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Kanton
06.05.2021

Berggebiet braucht innovative Bauern

Vreni und Walter Hüberli mit ihren Kühen. Bild: Markus Wickli, Bauernverein Toggenburg
Sie ist nicht nur eine hervorragende Köchin, sie ist auch Gastgeberin und Bäuerin mit Leib und Seele. Vreni Hüberli bewirtschaftet mit ihrem Mann Walter und ihren Söhnen und Töchtern in Ennetbühl einen Bergbauernhof auf 1200 Metern über Meer.

Der Betrieb auf der «Obern» ist ein traditioneller Toggenburger Landwirtschaftsbetrieb. Milchproduktion und Viehzucht stehen im Mittelpunkt und prägen den Betrieb. Das Wiesland, die Weiden und die Alpflächen von Hüberlis sind ein Teil der einzigartig schönen Toggenburger Landschaft zwischen Speer, Säntis und den Churfirsten. Ihr Betrieb und mehrere Hundert anderer Landwirtschaftsbetriebe in der Region sorgen für den besonderen Reiz der Landschaft. Ein grünes, liebliches und abwechslungsreiches Naturparadies. Der Betrieb «Obern» gehört zu den höchstgelegenen, ganzjährig bewohnten Landwirtschaftsbetrieben im Toggenburg. Die Winter hier oben sind etwas länger als im Tal, die Niederschläge häufiger und der Wind rauher, dafür ist die Aussicht und Lage umso schöner.

Besonderer Reiz

Wenn das «Bauern» oftmals auch beschwerlicher ist als im Tal, so hat das Leben und die Arbeit hoch über dem Talboden mit direkter Sicht auf die Churfirsten etwas ganz Besonderes an sich. Vreni Hüberli hat mit ihrer Teilnahme an der «Landfrauenküche» im Jahre 2019 wertvolle Erlebnisse und Erfahrungen sammeln können. Quer durch die Schweiz durfte sie das Zuhause und die Betriebe der anderen Teilnehmerinnen der Landfrauenküche kennenlernen. «Es gibt so viele schöne Orte in der Schweiz, ich würde jedoch keinesfalls tauschen» bemerkt Vreni Hüberli. Sie ist auf der Obern aufgewachsen, ihr Mann Walter hat «ighürotet», wie die Toggenburger das so sagen.  

Arbeitsintensiv

Rund 44 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche in der Bergzone 2 und 3 gehören zum Betrieb. Da der Betrieb stark parzelliert ist, bringt die Bewirtschaftung sehr viel Aufwand mit sich. Die 37 Milchkühe und die rund 50 Stück Jungvieh verbringen einen Teil des Sommers auf der Alp. Die «Lütisalp» und das «Burch» liegen ebenfalls in der Gemeinde Nesslau. Bis zu  14 Wochen weiden die Tiere auf der Alp. Die produzierte Milch wird als Konsummilch verkauft, ein kleiner Teil wird zu Käse und Butter verarbeitet und betriebs- und familienintern verbraucht. Familie Hüberli hat in den letzten Jahren in die Milchwirtschaft investiert. Mit dem Laufstall und dem Auslauf ist für das Tierwohl gesorgt, der Melkroboter ist eine wertvolle Arbeitserleichterung.

Biodiversität als Teil des Betriebes

Fast 20 Prozent der Betriebsfläche sind als Biodiversitätsflächen ausgeschieden und werden nicht gedüngt. Ein grosser Teil der extensiv genutzten Wiesen, Weiden und Streuflächen weist eine hohe Qualität auf. Auf der Alp sind zudem Flächen als Hoch- und Flachmoor ausgeschieden. Die Balance von Produktion und Biodiversität stimmt. Der Einsatz von Pestiziden hat auf dem Betrieb keine grosse Bedeutung. Für die Einzelpflanzenbehandlung von Blacken, Disteln, Jakobskreuzkraut und Neophyten werden sehr gezielt und in einem kleinem Mass Pflanzenschutzmittel eingesetzt.

Innovationen gehören zum Betrieb

Kreativität und Tatendrang sind dem Ehepaar Hüberli eigen. Seit mehreren Jahren gehört der Agrotourismus zum Betrieb. Im «Obern-Stöbli» können sich Gäste kulinarisch verwöhnen lassen oder auch übernachten. «Der Austausch mit unseren Gästen ist etwas sehr Wertvolles. Sie erhalten einen Einblick in die Berglandwirtschaft  und erleben die Toggenburger Bergwelt» schwärmt Vreni Hüberli. Sie wird bei der Bewirtung der Gäste durch ihre zwei Töchter unterstützt.

Die Hühnerhaltung als zweites Standbein in der Tierhaltung darf auf 1200 Meter über Meer wohl auch als Innovation bezeichnet werden. Zumindest ist die Hühnerhaltung in den höheren Lagen eher selten. Hüberlis haben einen leerstehenden Stall umgebaut und einen Wintergarten integriert. «Unsere 400 Hühner haben Direktsicht auf die Churfirsten, darum sind die Eier auch etwas Einzigartiges», schmunzelt Vreni Hüberli. Die Eier werden direkt an Gewerbebetriebe und Private in der Region verkauft. Die Hühnerhaltung ist ein willkommener Zustupf für den Betrieb.

Bei Hüberlis haben die Hühner Familienanschluss. Bild: Markus Wickli, Bauernverein Toggenburg

Landwirtschaft in der Kritik

Die bevorstehenden Abstimmung machen uns Sorgen» so Walter Hüberli. «Bei einer Annahme der Initiative würden viele Investitionen in Frage gestellt, eine Neuausrichtung für unseren Betrieb wäre wohl unumgänglich. Wir können das Futter für die Hühner nicht auf dem eigenen Betrieb produzieren. Bei einer Annahme der Trinkwasserinitiative würde der Zukauf von Futter verboten. Wir müssten unsere Hühner aufgeben, oder gänzlich auf Direktzahlungen verzichten». Diese seien für die Landwirtschaft im Berggebiet jedoch existentiell, ein Verzicht würde die Weiterführung des Betriebs mittel- und langfristig in Frage stellen. Schade, denn die nächste Generation steht bereit für die Weiterführung des innovativen Bergbauernbetriebes.

Volksinitiative für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung

Damit Landwirtinnen und Landwirte vom Bund Direktzahlungen erhalten, müssen sie den Nachweis erbringen, dass sie bestimmte Umweltauflagen einhalten.

Ein Ja – mehr Einfuhren aus dem Ausland

Für das Komitee sind diese Auflagen ungenügend. Es ist zudem der Ansicht, dass die heutige Landwirtschaftspolitik das Grundrecht auf sauberes Trinkwasser verletzt. Die Initiative will daher, dass Direktzahlungen nur noch an Landwirtinnen und Landwirte ausgerichtet werden, die Antibiotika weder regelmässig noch vorbeugend einsetzen, die pestizidfrei produzieren und die in der Lage sind, alle Tiere mit Futter zu ernähren, das sie auf ihrem Hof produzieren. Auch die landwirtschaftliche Forschung und Ausbildung soll sich für diese Form von Landwirtschaft einsetzen. Sauberes Trinkwasser sei durch riesigen Pestizideinsatz, zu viele Antibiotika und zu viel Gülle gefährdet. 

Wird die Initiative angenommen, ist davon auszugehen, dass die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz zurückgehen wird und dadurch vermehrt Lebensmittelimporte aus dem Ausland nötig werden mit negativen Folgen für die Umwelt in den betroffenen Ländern.

Der Bundesrat empfiehlt ein NEIN

Die Initiative geht Bundesrat und Parlament zu weit. Sie hätte zur Folge, dass viele Landwirtschaftsbetriebe weniger Lebensmittel produzieren würden. Der Import von Lebensmitteln nähme zu, Umweltbelastungen würden dadurch ins Ausland verschoben. Das Parlament hat das Kernanliegen der Initiative zudem bereits aufgenommen. 

Quelle: Der Bundesrat, das Portal der Schweizer Regierung.

Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide»

In der Schweiz ist die Verwendung von Pestiziden erlaubt: Sie werden in der Landwirtschaft, bei der Produktion und der Verarbeitung von Lebensmitteln und etwa auch bei der Landschafts- und Bodenpflege eingesetzt, um schädliche Organismen und Krankheitserreger zu bekämpfen. Es dürfen nur in der Schweiz zugelassene Produkte verwendet werden. Und bevor die Pestizide in Verkehr gebracht werden dürfen, müssen sie strenge Kontrollen durchlaufen, damit sie die Gesundheit und die Umwelt nicht gefährden. 

Übergangsfrist 10 Jahre

Das Initiativkomitee erachtet diese vorbeugenden Massnahmen jedoch als ungenügend. Es verlangt, dass die Verwendung von synthetischen Pestiziden in der Schweiz verboten wird und dass Lebensmittel, die synthetische Pestizide enthalten, nicht mehr eingeführt werden dürfen. Bis zur vollständigen Umsetzung des Verbots soll es eine Übergangsfrist von 10 Jahren geben. Für sie verunreinigen die Substanzen Flüsse, Trinkwasser, Lebensmittel und schaden der Gesundheit.

Der Bundesrat empfiehlt ein NEIN

Das geforderte Verbot geht Bundesrat und Parlament zu weit. Es würde die Versorgung mit Schweizer Lebensmitteln und die Auswahl an importierten Lebensmitteln einschränken. Bei der Produktion wären Hygienevorschriften schwieriger einzuhalten. Zudem würden internationale Handelsabkommen verletzt.

Quelle: Der Bundesrat, das Portal der Schweizer Regierung.

Markus Wickli, Bauernverein Toggenburg/Toggenburg24