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Magazin
17.10.2021

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Tabrettli».

Als Tabrettli (sächlich, Singular) bezeichnet man einen Holzstuhl ohne Lehne oder Schemel.

Wissen sie was ein Coffee-Table-Book ist?

Ein Tipp: Es liegt normalerweise auf ihrem Side- oder eben Coffee-Table, auf dem Low-Board, allenfalls auf dem Lounge-Chair und verleiht ihrer Interior-Ambience und ihren Statement-Pieces hippen Trendcharakter! Alles klar jetzt? Oder mögen sie es vielleicht lieber so richtig «Hygge» mit Plaids im Scandi-Look, oder ein gechilltes Happyweekend im Boho-Style mit Flower-Expressions auf ihrem favourite Piece? So oder so, unverzichtbar sind Coffee-Table-Books!

Bei soviel Anglizismen wird einem «ganz trömmlig.» Und ich find’s langsam wirklich blöd! Fehlt nur noch, dass eine aufgespritzte Gritte ein entzücktes «Ohhh my Goooood – so cute!» durch die Szene trällert, dann löscht es mir ab.

Kaffee-Tisch-Bücher (zugegeben, klingt auf Deutsch wirklich dämlich) sind angesagte, grosse, Bücher, die man zur rein optischen Aufwertung der Deko auf den Beistell-Tisch, oder eben den Coffee-Table, oder den Statement-Hocker legt. Coffee-Table-Books, vorwiegend über Kunst, angesagte Menschen und Architektur, sollten neben einem stattlichen Format vor allem den zum Living-Design passenden Einband (Cover) haben. «Oh my God», was bin ich altmodisch, kaufe ich Bücher doch tatsächlich noch zum Lesen!

Man muss Coffee-Table-Books nämlich nicht lesen, man muss sie stylisch arrangieren!

Ach wie war das früher noch einfach und authentisch! Und wir mit unseren Tabrettlis und Chuchichäschtlis zu Hause noch stylische Einfaltspinsel. Bei Grossmutter gab’s den Fotöll (Fauteuil, Fernseh-Sessel) von dem man jedes Mal aufstehen musste, wenn man am Schwarz-weiss-Fernseher den Sender wechseln wollte; pro Abend höchstens zwei Mal. Auf dem Büffet (Side-Board) standen die Fotos der Enkel und ein vertrockneter Strohblumen-Strauss. Heute übrigens auch wieder hipp. Und über der «Diwan»-Lehne hing ein gehäkeltes Deckeli von Tante Frieda. Auf dem Kaffee-Tisch lag der Teleboy, das damalige Telefonbuch in Kleinformat, und der «Sonntag» eine katholische Wochenzeitschrift, die bei uns alle Nachbarn zum Lesen ausliehen, die sich kein Abo leisten konnten.

Den «Sonntag» lasen sie dann manchmal schon draussen auf dem Bänkli vor dem Haus oder auf dem abgewetzten Chuchi-Tabrettli.

Ein Tabrettli oder Taburettli ist übrigens ein kleiner drei - oder vierbeiniger Stuhl oder «Schemel» meist aus Holz. Seit Ende des 16. Jahrhunderts sind aufwendig gestaltete, gepolsterte Schemel, ohne Arm- und Rücklehne als Taburett (französisch tabouret) bekannt. Einige Königreiche und Häuptlingstümer in Afrika verwenden Schemel statt eines Thrones. Einer der berühmtesten Schemel dieser Art ist der Goldene Stuhl des Asantehenes, um den im Jahr 1900 sogar ein Krieg zwischen den Briten und dem Aschantireich geführt wurde.

Doch warum bin ich jetzt eigentlich auf das Tabrettli gekommen? Einerseits wegen der Coffee-Table-Books, die keinesfalls auf ein Tabrettli gepasst hätten und andererseits, weil ich auf Facebook gelesen habe, wie zwei Hipsters sich über das Wort Tabrettli amüsierten und fanden, so ein «geiles, hippes Teil» müssten sie unbedingt shoppen.

Ich geh dann jetzt auch shoppen. Vielleicht finde ich im Midseason-Sale ja noch ein angesagtes Coffee-Table-Book. Nicht zum Lesen. Nur mal so zum Angeben.

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin /Toggenburg24