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St. Gallen
30.06.2022

«Alarmierend»: Massiver Anstieg von Suiziden in St.Gallen

Die Zahl der Suizide stieg innert eines Jahres um 47 Prozent. Bild: pexels/symbol
Im Vergleich zu anderen Kantonen gab es in St.Gallen im Jahr 2021 einen extremen Anstieg von Suiziden und Selbsttötungsversuchen. Das lässt Politiker und Experten aufhorchen.
  • von Miryam Koc

Bäume und Hügel verschwimmen zu einem satten Grün, Felder mit Kühen ziehen vorbei, das leichte Wippen des Sitzes verleitet zu Tagträumen, die Augenlider zucken, der Kopf lehnt an der kalten Scheibe. Dann ein Ruck. Notbremse. Stillstand. Ruhe im Zugabteil. Fragende Blicke zwischen Fremden. «Ausserordentlicher Halt wegen Personen auf den Gleisen», ertönt es nach einer gefühlten Ewigkeit aus den Lautsprechern. In den allermeisten Fällen heisst das: Suizid oder Suizidversuch. 

Im Jahr 2021 registrierte die Kantonspolizei St.Gallen 157 Selbsttötungen und 66 Versuche. 2020 nahmen sich 107 Menschen das Leben – damit wächst die Suizidrate im Kanton St.Gallen innert eines Jahres um 47 Prozent und ist die höchste Zahl, die in den letzten fünf Jahren registriert wurde.

Zum Vergleich: In Zürich gab es eine Abnahme von drei Prozent, im Thurgau wurden vier Prozent weniger verzeichnet, in Appenzell Ausserrhoden gab es eine Zunahme von zehn Prozent.

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  • Bild: Kapo SG - Polizeiliche Kriminalstatistik 2021
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«Die Zahl ist alarmierend»

Ein Fehler in der Statistik? Gegenüber stgallen24 bestätigt Simon Anderhalden, Polizeisprecher der Kantonspolizei St.Gallen, die Zahlen: «Suizide werden dort erfasst, wo sie verübt werden. Dass ein Suizid in die Statistik von zwei Kantonen fliesst, halte ich für unwahrscheinlich. Die Gründe zu erörtern, warum der Anstieg so hoch im Kanton ist, liegt nicht im Kompetenzbereich der Polizei. Statistische Ausreisser sind immer wieder möglich. Deshalb sollte man die Zahlen mit Vorsicht interpretieren.»

Suizidpräventionsexperte Jörg Weisshaupt zeigt sich besorgt über diese Daten: «Wenn man die umliegenden Kantone wie etwa Zürich betrachtet, dann gab es keine merklichen Anstiege im Vergleich zum Vorjahr oder sogar Abnahmen – in St.Gallen ist der Anstieg hingegen massiv. Das ist alarmierend.»

Seelisches Leid hat zugenommen

National sterben jährlich fast dreimal mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle. Weisshaupt koordiniert als Geschäftsführer des Vereins «Trauernetz» mehrere Selbsthilfegruppen zum Thema Suizidprävention und -nachsorge. Die Selbsthilfegruppe im Kanton St.Gallen sei voll, weshalb man neu eine niederschwellige Monatsrunde für Angehörige nach Suizid ins Leben gerufen hat.

Auch wenn der Experte nicht glaubt, dass sich in der Ostschweiz generell mehr Menschen das Leben nehmen wie in anderen Kantonen, gäbe es Anzeichen dafür, dass das seelische Leid in der gesamten Bevölkerung zugenommen hat. So warten beispielsweise Jugendliche und Kinder, die nicht dringend suizidgefährdet sind, bis zu sechs Monate auf einen Termin beim Psychiater oder Therapeuten. «In sechs Monaten kann alles passieren», sagt Jörg Weisshaupt.

Mehr Hilferufe von Jugendlichen

Dass sich im letzten Jahr mehr Menschen mit dem Thema Suizid befasst haben, spürte auch die «Dargebotene Hand Ostschweiz». «Wir hatten deutlich mehr Anrufe von Menschen, denen das Leben mit den Bedingungen der Pandemie verleidet ist», sagt Judith Eisenring, Leiterin der Regionalstelle Ostschweiz und Fürstentum Liechtenstein.

Besonders oft hätten Jugendliche den Chat von der Dargebotenen Hand kontaktiert oder die Telefonnummer 143 gewählt. Insgesamt gingen 2021 19'863 Anrufe und 1411 Mail- und Chatanfragen ein.

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Aber auch 41- bis 65-Jährige kämpften vermehrt mit suizidalen Gedanken. Einsamkeit, Depressionen, Existenzängste und auch Diskussionen rund um Corona hätten viele beschäftigt.

Erst Corona, dann der Krieg

Eisenring geht davon aus, dass ein Drittel der Hilfesuchenden  bereits unter psychischen Krankheiten leide. Die Dargebotene Hand leistete in den Corona-Jahren Hunderte von Zusatzstunden und dann, als sich die Lage zu beruhigen schien, kam der Krieg: «Quasi über Nacht wurde das zum Thema. Ein Krieg, der so nah ist, schürt bei vielen Unsicherheiten und kann sehr bedrohlich sein.» 

Wie viele Menschen, die bei Anlaufstellen wie der Dargebotenen Hand Hilfe suchen, sich tatsächlich das Leben nehmen, kann Judith Eisenring nicht sagen. «Wir sind wie ein Barometer für die Gesellschaft und können nur sagen, wie die Stimmung ist.»

Politiker reichen Interpellation ein

Die Zahlen in der St.Galler Kriminalstatistik beschäftigen auch Politiker: «Diese markante Zunahme ist sehr zu bedauern. Diese Zunahme zeigt, dass viele Menschen keine Zukunft in unserer Gesellschaft gesehen haben. Es zeigt auch, dass die Corona-Massnahmen viele Menschen vermehrt in Bedrängnis brachte, sodass diese keinen Ausweg und Lebenssinn erkennen konnten. Es soll und muss unser gesellschaftliches Ziel sein, die Zukunft besser zu gestalten», schreibt der SVP-Kantonsrat Damian Gahlinger in einer kürzlich eingereichten Interpellation. Er möchte von der Regierung wissen, wie sie diese Entwicklung beurteilt und verlangt eine Aufschlüsselung der Daten.

Das Leid der Hinterbliebenen

Laut Jörg Weisshaupt wäre es wichtig, wenn man seitens Politik genauer hinschaut und schneller aktiv wird. Neben der Suizidprävention fängt die nationale Dachorganisation «Ipsilon» auch jene auf, die bleiben, wenn sich geliebte Menschen für die Selbsttötung  entscheiden.

Suizidnachsorge sei ein Thema, worüber kaum gesprochen wird. «Wenn man jemanden durch Suizid verliert, dann wird einem der Boden unter den Füssen weggezogen. Viele fallen in ein tiefes Loch. Häufig haben sie extreme Schuldgefühle und fragen sich, warum sie nichts bemerkt haben.»

Im Kanton Zürich initiierte Jörg Weisshaupt gemeinsam mit der Kantonspolizei die Kontaktaufnahme von Hinterbliebenen nach einem Suizid. Äusserungen von Hinterbliebenen seien vergleichbar mit Aussagen von suizidalen Personen. Ein solches Angebot gibt es im Kanton St.Gallen nicht.

Bild: zVg

Die  Gesellschaft erwarte in der Regel, dass man schnell wieder funktionsfähig ist. Geht man nicht proaktiv auf Hinterbliebene zu, so dauert es laut einer US-Studie durchschnittlich über vier Jahre, bis sich Hinterbliebene Hilfe holen.

Organisationen wie «Ipsilon» oder «Trauernetz» fehlt es aber an finanziellen Mitteln für umfassende Kampagnen und Aktionen zur Prävention und Nachsorge. «Vielleicht tut sich ja im Kanton St.Gallen aufgrund der aktuellen Statistik etwas. Diese Zahl sollte man nämlich nicht ignorieren. Wichtig ist zeitnahes Handeln», sagt Weisshaupt.

Reden hilft

  • Dargebotene Hand – Sorgen-Hotline, Tel. 143
  • Pro Juventute – Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
  • Seelsorge.net – Angebot der reformierten und katholischen Kirchen
  • Reden kann retten – Adressen, Informationen und Hilfe für Menschen mit Suizidabsichten und für Menschen, die sich um jemanden sorgen.

     

Begleitung für Suizid-Betroffene

  • Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils
  • Verein Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid
  • Verein Regenbogen Schweiz – Leben mit dem Tod eines Kindes
  • Verein Trauernetz – Perspektiven nach einem traumatisierenden Verlust, Beratung und Informationen für Angehörige und Fachpersonen

Dargebotene Hand sucht Mitarbeiter

Rund 60 sorgfältig ausgewählte und gut ausgebildete Frauen und Männer leisten ihren Dienst am Telefon oder online ehrenamtlich und unbezahlt. Die freiwilligen Mitarbeiter werden von Fachleuten geführt und begleitet. Für den Ausbildungskurs 2023 findet am Donnerstag, 25. August 2022, ein Informationsabend in St.Gallen statt.

Weitere Infos hier

stgallen24