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Leserbrief
Gesundheit
20.07.2021
20.07.2021 19:57 Uhr

Hirnschlag versus Corona?

Für mich als Angehörige und für den Betroffenen selbst ist Corona so unbedeutend im Verhältnis zu wirklichem Leid.
Für mich als Angehörige und für den Betroffenen selbst ist Corona so unbedeutend im Verhältnis zu wirklichem Leid. Bild: stol.it/neo1.ch
Wie sieht das Leiden bei einem Hirnschlag aus, den 16'000 Schweizer im Jahr ereilen im Verhältnis zur Erkrankung an Covid-19? Als Ehefrau erlebe ich einen Menschen, der kämpft, nicht nur ein paar Tage!

In der Schweiz erleiden pro Jahr etwa 16'000 Personen einen Hirnschlag - auch Schlaganfall genannt. Betroffen sind meist ältere Menschen, aber immerhin ist jeder sechste Hirnschlag-Patient jünger als 65 Jahre. Einer von vier stirbt, jeder Dritte bleibt behindert, zum Teil schwer.

Es geschah am 16. Oktober 2020 aus dem Nichts. Vorher lachten wir und hatten viel Spass. Plötzlich trat heftiges Erbrechen auf, Schwindel, neurlogische Aussetzer in den Armen und eine kurzzeitige Lähmung des rechten Beines.

Ich wusste nicht, dass mein Mann einen Hirnschlag erlitten hatte, doch die neurologischen Ausfälle beunruhigten mich, somit rief ich nach 15 Minuten die Sanität. 12 Stunden lag mein Mann auf dem Notfall, Gastritis war die Diagnose. «Sie können ihren Mann am anderen Tag wieder abholen, bis dann hat er sich stabilisiert.»

Das tat ich. Doch etwas stimmte offenbar nicht, man tuschelte. Ich fragte, was los sei. Sie müssten ein MRI vom Kopf machen, dies sei unter den Umständen, dass man ihn nicht stabilisieren konnte, nicht möglich gewesen. Um 22.00 Uhr traf ihn der Hirnschlag, am anderen Tag nachmittags kam er auf die Intensivstation mit der Diagnose Hirnschlag in der linken Kleinhirnhälfte. Die Folgen waren nicht absehbar. Die Information dürftig. Nur durch viel Fragen wurde uns erklärt, was genau geschehen war. Es sei nicht üblich, alles zu erklären, viele Menschen würden es sowieso nicht verstehen.

Wie weiter nach dem Spital?

Die Rehabilitationszentren waren gerade im Begriff, alles abzuriegeln. Mein Mann, ein weitgereister, kommunikativer, sprachbegabter Mensch, glücklich unter Menschen. Die Vorstellung allein sechs Wochen in der Reha ohne Besuch konnte ich mir für ihn nicht vorstellen. So organisierten wir die Reha mit allem, was uns vorgeschrieben wurde, zuhause.

«Wegen der Pandemie steht alles still»

Die Fortschritte bis im Winter 2021 waren gewaltig, auch mein Mann freute sich riesig, sah die Zukunft vor sich. Doch dann der Einbruch; die Psyche. Nach der Notfallzeit das Bewusstwerden, dass vieles nicht mehr so klappt, wie das vorher möglich war, war zuviel. Mein Mann brach zunehmend zusammen. Sein Zustand verschlechtert sich immer mehr, und wir beide sind müde geworden vom Kämpfen. Aber nicht nur, weil es von meinem Mann viel Kraft und Durchhaltewille fordert, nein auch vom ganzen Gesundheitssystem, das uns nur Knebel zwischen die Beine wirft. Alles muss man selbst organisieren. Institutionen, die eigens für diese Krankheit geschaffen wurden, funktionieren wegen Corona nicht. Corona ist die häufigste Ausrede seit Oktober 2020.

 

«Time is brean», handeln Sie schnell! Bild: swissheart.ch

Corona versus Hirnschlag?

Eine Krankheit ist für den Patienten selbst und das Umfeld immer schlimm. Corona interessierte uns alle in diesem Zusammenhang wenig, da wir gerade ganz andere Probleme hatten als irgendwelche Kurven und Positivitätsraten. Wenn wir sehen, was mein Mann für einen Kampf hat, dann macht es Mühe, die Grippekrankheit Corona mit einem eventuellen Tod zu verstehen. Ein Kampf von über einem halben Jahr mit so vielen Zwischenproblemen, die immer wieder zum Stress und zu einer kurzfristigen Verschlechterung führten.

Ein gewisses Unverständnis gegenüber der Medizin ist nicht von der Hand zu weisen. So viele Menschen sind chronisch krank und kämpfen. Die Pandemie verhindert in einer gewissen Weise eine Genesung oder auch Stabilisierung. Die Unterstützung ist aus meiner Sicht nicht mehr gewährleistet und dafür bezahlen wir zu viel, am Schluss wirklich mit dem Leben.

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Suna Lommen/Toggenburg24